Unter der Lupe

Woher hat der „Kontrapunkt“ seinen Namen?

„Contra“ kommt aus dem Lateinischen und heißt doch eigentlich „gegen“, „entgegen“ oder „gegenüber“. Warum heißt dann unser kleineres Schulgebäude so?

Werden hier Schülerinnen und Schüler zwangsgeparkt, die nicht lernen wollen? Oder ist es ein Gebäude, in dem nicht gelernt, sondern nur gefaulenzt wird? Darf man hier abschalten? Vielleicht wird hier mit anderen Mitteln unterrichtet oder ist der Name nur ein Zufallsprodukt?

Weder noch.

Im Kontrapunkt befinden sich Kunst- und Musikräume. Der Musikraum nimmt einen so großen Platz ein, dass teilweise Abendveranstaltungen dort stattfinden (Musik/Theater). Deswegen hat man sich überlegt, einen Begriff aus der Musik zu verwenden, um das Gebäude zu beschreiben.

Kontrapunkt bezeichnet eine Kompositionstechnik, bei der mehrstimmige Musik organisiert wird. Dabei geht man von der Frage aus: Wie soll zu einer Tonfolge, die bereits existiert, eine Gegenstimme komponiert werden?

Es geht es besonders um Stimme und Gegenstimme, die zusammen ein polyphones (mehrstimmiges) Musikstück bilden.

Und was hat die Kunst damit zu tun? Abgesehen davon, dass Musik auch Kunst ist, beziehen sich Maler und Bildhauer immer wieder auf die Musik. „Der musikalische Ton hat einen direkten Zugang zur Seele. Er findet da sofort einen Widerklang, da der Mensch ‚die Musik hat in sich selbst‘ hat“[1], sagte der berühmte Maler W. Kandinsky bereits 1912. Und er prägte den Begriff eines Kontrapunktes in der Malerei. Kandinsky überwand in seinen Bildern bekannte Formen, Kompositionen und eine tradierte Farbgebung. Damit setzte er einen Kontrapunkt und gehörte neben vielen anderen Malerinnen und Malern zur Avantgarde in der Kunst.

In unserer Schule ergeben viele Stimmen ein Ganzes. Damit sind Stimmen von Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern und Eltern gemeint. Auch die Stadt Gelsenkirchen, der das Gebäude gehört, hat immer wieder eine Stimme durch ihre Vertreterinnen und Vertreter. So vielschichtig wie in Musik und Kunst sind die Stimmen innerhalb unseres Schulgebäudes. Alle ergänzen sich bestenfalls, alle bilden zusammen etwas Gutes in Form von Stimmen und Gegenstimmen, von Tradition und Modernem, von Bekanntem und Neuem. Sie bilden unsere vielschichtige Schulgemeinschaft: offen, tolerant, respektvoll und zielorientiert.

Deswegen ist der Name „Kontrapunkt“ besonders für unser Gebäudeteil, in dem die Künste angesiedelt sind, super getroffen.


[1] Nils Büttner, Wie der Kontrapunkt ins Bild kam, Originalveröffentlichung in: Tadday, Ulrich (Hrsg.): Philosophie des Kontrapunkts (Musik-Konzepte : Sonderband ; NF XI/2010), München 2010, S. 201-222, zit. n. https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/2064/1/Nils_Buettner_Wie_der_Kontrapunkt_ins_Bild_kam_2010.pdf